Der strapazierte Leidenfrost-Effekt
... und was wirklich dran ist

Immer wieder hört man in Zusammenhang mit dem Feuerlauf den sogenannten "Leidenfrost-Effekt". Oft wird dieser Effekt sogar unter wissenschaftlichen Aspekten zitiert, in Medien wie z.B: TV ausgestrahlt - mit bunten Grafiken versehen - und dann unter dem Deckmantel der Wissenschaft auf die staunenden Leser, Zuseher oder Zuhörer losgelassen. Und natürlich klingt es zauberhaft, was da so pseudo-wissenschaftlich fabriziert wird. Jetzt hat man endlich eine "logische" Erklärung für etwas gefunden, das man bisher nicht oder nur sehr schwer wissenschaftlich erklären konnte. Da kam der Leidenfrost-Effekt ja wie gerufen. Gottseidank!

Da ich aber selbst Feuerläufer und Feuerlauftrainer bin, war mir schon lange klar, dass dieser Effekt beim Feuerlaufen überhaupt keinen Einfluss haben kann (Details siehe nachfolgend). Umso mehr verwunderte es mich, wie vehement dieser legendäre Leidenfrost-Effekt von gewissen Kreisen verteidigt und sogar fast wie eine Religion hochgejubelt wurde. Meist sogar von Leuten, die selbst noch nie einen Feuerlauf absolviert haben. Aber erstaunlicherweise waren sogar Physiker darunter, die sich aus spektakulären Gründen nicht davon abhalten ließen, das Leidenfrost-Dogma medienwirksam zu "predigen".  Mir scheint, es existiert eine Strategie, dass es nichts Unerklärliches geben darf und die Wissenschaft fühlt sich verpflichtet, sofort für Unerklärliches eine sogenannte wissenschaftliche Erklärung abzugeben und daran festzuhalten - selbst wenn diese haarsträubend oder sogar absolut  falsch ist. Das wurde bereits wissenschaftlich bewiesen!

Das war für mich Motivation genug, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich habe mich daher mit dem Feuerlaufen nicht nur in der Praxis, sondern auch in der Theorie ausführlich beschäftigt und Informationen über den Leidenfrost-Effekt zusammengetragen:


Was hat Leidenfrost wirklich geschrieben?

Leidenfrost Portrait 100 pxMit dem Leidenfrost-Effekt; auch Leidenfrost-Phänomen genannt, ist der Effekt der auf heißem Untergrund springenden, tanzenden oder rollenden Tropfen gemeint, den Johann Gottlob Leidenfrost 1756 beschrieben hat. Leidenfrost hat einfach in Duisburg eine heiße Herdplatte beobachtet und ein paar Wassertropfen raufgeträufelt. Dann hat er seine  Beobachtungen in der Schrift "De Aquae Communis Nonnul lis Qualitatibus Tractatus"  1756 beschrieben. Das war alles.
Dieser Effekt kann übrigens leicht von jedem bei einer heißen Herdplatte beobachtet werden, auf die man einen Tropfen Wasser fallen lässt. Ist die Temperatur der Oberfläche hoch genug, um eine rasche primäre Verdampfung zu erreichen, so tanzt der Wassertropfen auf einem Dampfpolster oder er rollt über die Herdplatte. 
Vom Feuerlaufen hat Leidenfrost übrigens damals vor ca. 250 Jahren kein einziges Wort geschrieben. Wie denn auch, denn 1756 war das Feuerlaufen weder bekannt noch zu empfehlen, denn sonst wäre man wohl Gefahr gelaufen, selbst am Scheiterhaufen zu enden (Hexenprozesse). 
Trotzdem wird der Leidenfrost-Effekt, der mit dem Schutz beim  Feuerlaufen absolut nichts zu tun hat, in den Medien eifrig weiter strapaziert. Beim Feuerlaufen hat man weder einen ganzen Tropfen Schweiß zur Verfügung, noch eine absolut glatte Oberfläche. Und beim Feuerlauf hat man ja nicht nur mit der Fußsohle Kontakt mit der Glut, sondern vielmehr mit dem ganzen Fuß. Oft sinkt man 5 cm und mehr ein und sowohl die Seitenflächen des Fußes als auch die Fußoberflächen kommen mit der Glut in Berührung. 

 


Wie entstand ein Zusammenhang mit dem Feuerlauf?

Das ist ein großes Rätsel. Es gibt keine gesicherten Hinweise darauf, wer, wann und warum hier einen Zusammenhang konstruiert und hergestellt hat. Im nachhinein wir es wohl keiner gewesen sein. Nichtsdestotrotz wird der Leidenfrost-Effekt in Zusammenhang mit dem Feuerlauf eifrig weiter zitiert und strapaziert. Sehr ungewöhnlich - oder?

NEU: In den letzten Jahren (ab 2007) ist der Leidenfrost-Effekt zum Glück mehr und mehr aus der offiziellen Argumentation verschwunden. Die Aufklärungsarbeit der Feuerlauf-Trainer hat da zweifellos mit dazu beigetragen! 

Wie wird der Leidenfrost-Effekt beim Feuerlaufen erklärt?

Wie bereits vorhin angeführt, hat ja Leidenfrost selbst nie etwas über den Feuerlauf geschrieben. Dennoch wird er zitiert und sein auf der Herdplatte entdeckter Effekt in Zusammenhang mit dem Feuerlauf wie folgt erklärt: 

An der Fußsohle bildet sich Schweiß, dieser wird dann beim Auftreten angeblich blitzartig (im Nanosekunden-Bereich) in Dampf umgewandelt und dieser Dampf wiederum bildet eine Dampfschicht, auf welcher der Feuerläufer wie auf einer weichen Wolke über das Feuer schreitet, bzw. schwebt. .... Motto: Es war einmal, vor langer, langer Zeit....

Diese Erklärung ist so doof, dass man sich darüber nur wundern kann, dass so etwas verbreitet wurde und wird. Aber sehen wir uns die einzelnen Punkte nachfolgend im Detail an.

Kann der Leidenfrost-Effekt beim Feuerlaufen schützen?

Meine Erkenntnis (und die Erkenntnis vieler Anderer) heißt eindeutig NEIN!
Wenn man die Details untersucht, zeigt sich folgendes Bild, welches ja schon vom Hausverstand her logisch ist.

Schweiß: Woher soll der Schweiß kommen? Ich hab Feuerläufe am Strand gemacht, wo nur trockener Sand war. Und wenn man über den Glutteppich läuft, dann ist anschließend der Fuß garantiert staubtrocken, falls er es eh nicht schon vorher war, was sehr wahrscheinlich ist.  Und dann läuft man nochmal - und nochmal - und nochmal... Einmal bin ich gut 20 x über die Glutbahn gelaufen. Da kann gar kein Schweiß mehr auftreten! 

Nun könnte aber Fritz Schlaumeier sagen: "Ja der Schweiß wird erst produziert, wenn der Fuß die Glutbahn berührt!" Abgesehen davon, dass es dann bereits zu spät wäre, denn die enorme Hitze ist ja sofort da - müssten die Schweißperlen also unter hohem Druck ausgestoßen werden, wie bei einem Dampfbügeleisen - und das permanent, denn der Weltrekord beim Feuerlaufen liegt ja bei 290 m, d.h. also mehr als 4 Minuten ständiger Kontakt mit der Glutbahn. Der Fuß müsste also eine Dampfwolken-Akkord-Produktion hinlegen. Und natürlich müsste auch der Wasservorrat für den Schweiß gesichert sein. Kann das wirklich jemand glauben?

Dampfwolke: Selbst wenn es eine Dampfwolke gäbe, hätte diese keine wirkliche Schutzfunktion, denn am heißen Dampf (mind. 100 Grad Celsius) kann man sich natürlich auch auch leicht verbrennen, wie jeder sicherlich aus eigener Erfahrung weiß. Außerdem müsste diese Dampfwolke längerfristig absolut flächendeckend sein, denn wenn es irgendwo ein "Loch" gäbe, würde man sich dort ja sofort verbrennen.

Wie auf einem Schutzpolster gehen: Wiederum in der Praxis unmöglich. Wie jeder Feuerläufer weiß, hat man ja nicht nur mit der Fußsohle Kontakt, sondern sinkt direkt in das Glutbett ein, so dass die Seitenflächen des Fußes und auch die Oberfläche mit der Glut in Berührung kommen. Weiters gibt es auch Glutstücke zwischen den Zehen, die dort hin und wieder auch stecken bleiben. Man sieht schon allein an diesen Gegenargumenten, wie unsinnig und unhaltbar diese Leidenfrost-Theorie ist. Dazu kommt ja auch noch die enorme Hitze, die ja durch jeden angeblichen "Schutzpolster" wirken würde. Aber es gibt ja noch ein wichtiges Gegenargument:

Dampfwolkenschicht: Die nächste Frage ist ja, wie dick sollte denn diese Dampfschicht sein? Angenommen sie ist 1 mm, so kann eine dünne Schicht von 1mm ja wohl kaum gegen die enorme Hitze schützen, die im Glutbett herrscht (+650 bis + 900 Grad). Außerdem würde diese Schicht ja nicht stabil am Fuß bleiben, sondern entweichen, da ja der Fuß ständig in Bewegung ist und auch die Hitze würde diese Schicht blitzartig verdampfen. Was ist dann..??

Verbrennungen: Dass es in der Praxis aufgrund unzureichender Vorbereitung unzweifelhaft leider auch hin und wieder zu Verbrennungen kommt, ist ja bereits ein eindeutiger Gegenbeweis, dass die Schutzfunktion nach dem sogenannten "Leidenfrost-Effekt" in Wirklichkeit nicht existiert und funktioniert. Denn wäre es anders, dürfte es ja zu keinen Verbrennungen kommen...!!!

Wolfgang Hauptwall
Dipl. Mental- und Feuerlauftrainer (Jän. 2007)


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